Einführung

Der Titel: Gewalt, Verfolgung und Freiheitskampf bezeugen - Erinnerungen bewahren für eine lebendige Demokratie
(wissenschaftlich begleitete Zeitzeugengespräche mit ehemaligen politischen Häftlingen der SED - Diktatur in Schulen des Landes NRW)

Liebe Interessenten!

Der Projekttitel - zumindest die 1. Zeile - mag Ihnen vielleicht etwas martialisch klingen, doch wenn Sie versuchen sich vorzustellen, wie die ehemaligen Opfer und Betroffenen der SED - Diktatur an Ihre Leidenszeit unter Stasi-Herrschaft und persönlicher Unterdrückung zurück denken - und das wollen wir ja auch u. a. auch mit unserem Projekt - dann waren diese Einzelschicksale, Erlebnisse, Erinnerungen und Eindrücke auch nicht gerade von friedlicher Natur und haben sich tief und bleibend im Innersten der Opfer eingegraben. Wir alle wurden ja nicht als Widerstandskämpfer und Helden gegen den Kommunismus geboren, sondern führten in der Regel ein ganz normales Privatleben. Dabei einte uns aber wohl ein unbeugsamer Freiheitsdrang verbunden mit solchen Eigenschaften wie Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Wahrheitsliebe, Nächstenliebe, allgemein Menschlichkeit. Dadurch gerieten wir auf die eine oder andere Weise mit dem Machtapparat der SED - der Stasi - aneinander und bekamen für “ kleine “ persönliche Handlungen oder auch nur Äußerungen - ohne ein Unrechtsbewußtsein dabei zu verspüren - die geballte Ladung der Staatsmacht in Form von martialischen Gesetzen, wie z. B. Spionage, Landesverrat, landesverräterische Nachrichtenübermittlung, staatsfeindliche Hetze, Sabotage, staatsfeindlicher Menschenhandel, um nur einige aufzuzählen, mit der ganzen der SED - Diktatur zur Verfügung stehenden Härte zu spüren.
Wir wurden als “ Staatsfeinde “ in der Öffentlichkeit dargestellt, denen mitunter sogar unterstellt wurde, den “ Weltfrieden “ in Gefahr bringen zu wollen! Wenn diese absurden Anschuldigungen nicht in weiterer Konsequenz zu unmenschlich hohen Haftstrafen geführt hätten, könnte man ja über die spießige kleinkarierte und verschrobene Gedankenwelt dieser Herrschaftsclique noch lachen und Witze machen.

Vielleicht bietet darüber hinaus dieses Projekt dem einen oder anderen von uns durch die gegenüber dem Erlebniszeitraum der Haft jetzt vorhandene zeitliche Distanz die Möglichkeit einer bisher noch gar nicht vollzogenen oder nur ungenügenden eigenen Aufarbeitung und Vergangenheitsbewältigung. Hierbei rechnen wir bewusst auf die sachverständige Unterstützung durch die wissenschaftlichen Begleitung der Ruhruniversität Bochum bei der Aufbereitung unserer Erlebnisse für die Öffentlichkeit, damit nicht die unterschiedliche Härte der persönlichen Erfahrung allein wertbestimmend für unser heutiges Bild der damaligen Geschehnisse ist. Um es kurz zu sagen, wir wollen nicht unbedingt Hass gegen unsere damaligen Peiniger predigen, sondern ehrliche, wahrheitsgemäße und gerechte Aufklärung leisten.

Der Schwerpunkt liegt in dem 2. Teil des Titels “ Erinnerung bewahren für eine lebendige Demokratie “

Nicht erst seit dem Appell der ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder aus dem Juni 2008 zu einer vertieften Beschäftigung mit den Geschehnissen in der DDR in den Jahren 1989 und 1990 an allen Schulen der Bundesrepublik Deutschland wegen des in zahlreichen Untersuchungen und Forschungsstudien festgestellten unzureichenden Wissens der Schülerinnen und Schüler über die SED - Diktatur ist die Bedeutung der wahrhaftigen Aufklärung darüber als wichtige Aufgabe für unser Demokratieverständnis herausgestellt worden. Hierzu die Präsidentin der Kultusministerkonferenz u.a.:

“ ... es ist Aufgabe der Lehrer, den Schülern nach aktuellem wissenschaftlichen und didaktischen Kenntnisstand die Geschichte und Funktionsweise des SED-Staates nahe zu bringen. Dieses Thema ist von hoher Bedeutung hinsichtlich politischer Bildung, Demokratieverständnis und der Zukunft unseres Gemeinwesens.”

Unterstützt und ergänzt wird dieser Appell von dem Vorstandsvorsitzenden der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Rainer Eppelmann mit der Beschreibung als wichtige gesamtdeutsche Aufgabe.
Ergänzend dazu möchten wir betonen, es ist auch unsere Aufgabe als Zeitzeugen, dieses Anliegen zu unterstützen, solange wir noch präsent sind und damit die Erinnerung bewahren können. Dabei stehen uns mit den Mitarbeitern des IDF der RUB kompetente, fachlich hervorragende Fachleute bei den wissenschaftlichen und didaktischen Aspekten der Thematik sehr hilfreich zur Seite.

Stellvertretend für viele Politiker, Politologen, Historiker und Medienvertreter, die sich zu dem Thema der möglichst realen, ehrlichen und wahrhaftigen Wiedergabe und Darstellung der Verhältnisse in der DDR unter den Bedingungen eines allmächtigen, alle Ecken und Winkel des gesellschaftlichen Lebens beherrschenden Machtapparates der SED-Diktatur in der Öffentlichkeit äußerten, sei in diesem Zusammenhang die Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen Marianne Birtler aus einem kürzlichen Interview für die R.P. - 07. November 08 - zitiert.

Frage: Verklärt sich 19 Jahre nach dem Mauerfall für viele junge Menschen in Deutschland die DDR zum Sozialparadies?
Antwort: Tatsächlich gibt es eine verbreitete Neigung, die DDR nachträglich in rosarotem Licht zu sehen. Besorgniserregend ist, dass der grundsätzliche Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur oft nicht gesehen wird. Hier liegt ein wichtiger Bildungsauftrag der Schulen!

Besonders der Hinweis auf die Zielrichtung “Jugend” bei der Aufklärung erscheint uns bedeutungsvoll, denn

  • eine un-oder fehlinformierte junge Generation wird zum einen gleichgültiger gegenüber Demokratie, Freiheit und bürgerlichen Grundwerten
  • zum anderen wegen des fehlenden Wissens anfälliger und leichter beeinflussbar gegenüber den verlogenen Parolen linker und rechten Demagogen!

Hierzu wollen und können wir mit unserem Projektschwerpunkt “ Zeitzeugendokumentation an Schulen in NRW” einen wichtigen aufklärenden Beitrag leisten. Zahlreiche Vorgespräche mit mehreren Schulen zu dieser Absicht haben uns darin bestärkt, denn uns wurde dabei immer wieder signalisiert, dass diese Themen an den Schulen sehr gewünscht sind und besonders durch die Authentizität der dabei handelnden Personen ( Zeitzeugen ) für die Schüler überzeugend und interessant werden. Dementsprechend sind bereits mehrere Veranstaltungen absolviert und weitere in der konkreten Planung.

Unausweichlich kommt man bei der Betrachtung bzw. vertieften Beschäftigung mit den Wesensmerkmalen und Erscheinungsformen der SED - Diktatur im Alltag der Gesellschaft auf Parallelen zu der anderen Diktatur auf deutschem Boden in der jüngeren Geschichte - dem Nationalsozialismus. Hierzu möchten wir ausdrücklich betonen, dass es uns in der Opferbewertung nicht um die strikte Gleichsetzung mit den Opfern des Nationalsozialismus geht. Dies sollte uns andererseits aber nicht daran hindern, bestimmte ähnliche Mechanismen der systematischen Beeinflussung großer Massen der Bevölkerung durch Gewalt, Einschüchterung, Propaganda und Psychologie anzusprechen und zu vergleichen. Geht es dabei doch um die Darstellung der Wesensart einer Diktatur.

Wir stehen hier und jetzt in der Anfangsphase eines wie wir meinen bedeutsamen gesellschaftlichen Aufklärungsprojektes für viele Schulen in NRW, das Dank der schnellen und unbürokratischen Unterstützung der Landeszentrale für politische Bildung in Düsseldorf im Oktober 2008 als Pilotprojekt überhaupt erst starten konnte. Da nun die Anschlußfinanzierung für 2009 und 2010 ist durch die Zusage der Bundesstiftung für die Aufarbeitung in Berlin gesichert ist, können wir im Interesse unserer Zielgruppen langfristig planen und arbeiten..

Abschließend möchte ich hier an dieser Stelle alle Interessenten unseres Projektes, egal aus welchem Grund dies ist, dazu aufrufen, sich in unser Projekt einzubringen. Das betrifft sowohl Hinweise, Diskussionsbeiträge, eigene Erfahrungen mit ähnlichen Projekten und Verbesserungsvorschläge, als auch möglicherweise die Bereitschaft, als Zeitzeuge an unserem Projekt mitzuarbeiten.
Hierzu rufen wir ausdrücklich auch andere Opferverbände auf!

Gerne sind wir auch bereit, mit Interessen aus anderen Bundesländern den Erfahrungsaustausch zu unserem Schwerpunktthema zu pflegen.

Detlef von Dechend
VOS - Landesverband NRW